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China im digitalen Zeitalter zu verstehen bedeutet sich von seinen alten China-Bildern zu verabschieden

Die Bilder in unserem Kopf über die Zukunft entscheiden darüber, wie wir die Zukunft gestalten werden. In China können wir sehen, wie die wirtschaftliche und technologische Zukunft aussehen wird. Deshalb darf unser Verhältnis mit China nicht von Angst, sondern muss von Kooperation geprägt sein. 

Nichts charakterisiert die aktuelle Sichtweise bezogen auf die neue, globale Führungsrolle China’s im digitalen Zeitalter besser als zwei Titelbilder, die Ende März im China Daily und im Handelsblatt erschienen sind. Das Drängen Chinas auf eine offene wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Europa steht exemplarisch neben der vermeintlichen Gefahr der “Neuen Seidenstraße” (Chinas globalen Infrastrukturprojekten zur Verbindung des Reichs der Mitte mit Asien, Europa und Afrika) und dem Siegeszug, den China bei der Künstlichen Intelligenz anstrebt.

Dabei war Angst noch nie der beste Antrieb, um erfolgreiche Strategien zu entwickeln, um sich für die Zukunft zu wappnen. Vielmehr lähmt sie die Einführung notwendiger Veränderungen. Wer sich nachhaltig verändern will, fängt die eigene Transformation dann an, wenn es am besten läuft. Das gilt für Volkswirtschaften wie für Unternehmen.  

Das ist eine Binsenweisheit, die wir in unserem Beratungsalltag mit deutschen Firmen, besonders im Mittelstand und bei Familienunternehmen, leider viel zu selten sehen. Denn dafür müssten Eigentümer*innen und Geschäftsführungen viel häufiger aus ihrer Komfortzone heraustreten und bewusst neue Wege gehen. Anders denken und handeln.

Eine Erkenntnis, die sich ohne weiteres auf die politische Ebene übertragen lässt. Beispiele für die mangelnde Digitalisierung in Deutschland gibt es viele. Und jede und jeder von uns kennt sie. Doch führt deren ständiges Wiederholen nicht zu einer digitalen Industriestrategie, den schnellen Aufbau notwendiger digitaler Fähigkeiten oder einer gemeinsamen gesellschaftlichen Vorstellung, wie wir im digitalen Zeitalter miteinander leben und arbeiten wollen. Im Gegenteil, das ständige aufzeigen des Missstandes lähmt Kreativität, Innovation und Gestaltungswillen.

Gerade sind wir aus China zurückgekommen, haben uns mit Alibaba, Tencent, Huawei sowie mit Nio und Byton getroffen und die Startup-Szene in Shanghai und Shenzhen angeschaut. Zwei wesentliche Erkenntnisse beschäftigen uns seitdem:

Erstens: Alle Produkt- und Serviceideen, die wir in den letzten Monaten mit Unternehmen im Rahmen der Entwicklung digitaler Geschäftsmodelle und der Realisierung von Prozesseffizienzen erörtert haben sind machbar. Wir stellen fest: China arbeitet bereits daran sie umzusetzen.

Zweitens: China hat einen Masterplan zur Nutzung von neuen Technologien in Wirtschaft und Gesellschaft, um Wachstum und Wohlstand sicherzustellen. Und China setzt diesen Plan konsequent um. Dabei schottet die chinesische Regierung ihr Land ab, macht es zum digitalen Experimentierfeld und schützt ihre (staatlich initiierten) Unternehmen vor ausländischer Konkurrenz. Sie hat eine Industriestrategie und setzt ihre Investitionen gezielt ein und handelt nicht nach dem Gießkannen-Prinzip. Aufgrund faktisch nicht vorhandener Datenschutzbestimmungen erfasst sie alle Nutzerdaten im privaten und öffentlichen Raum und sämtliche technologie-basierten Service- und Geschäftsmodelle sind aufgrund eines Binnenmarktes von 1,4 Mrd. Menschen massenmarktfähig. Das alles geschieht in einer unfassbaren Geschwindigkeit.

Ein Beispiel: Das auf die Fertigung von Elektroautos spezialisierte Unternehmen Nio wurde erst 2014 gegründet. Zwei Jahre später gab es das erste Elektroauto auf dem Markt. Die eigentliche Herausforderung sieht Nio derzeit nicht beim Bau von Elektroautos, sondern in der Schaffung einer nutzerzentrierten Service- und Erlebniswelt.

China gibt heute bereits Orientierung in der digitalen Welt, verstärkt seinen Einfluss mit den verschiedensten Routen der Neuen Seidenstraße und schafft damit Abhängigkeiten zu Ländern und Städten in Asien, Europa und Afrika. In den nächsten fünf Jahren wird der wirtschaftliche und gesellschaftliche Einfluss chinesischer Plattformunternehmen auf Europa, vor allem Deutschland, weiter zunehmen. Ganz ehrlich, ökonomisch und technologisch betrachtet leben wir in Europa in der Vergangenheit. Im Silicon Valley erleben wir gerade die Gegenwart. In China können wir sehen, wie die Zukunft aussehen wird. Daher lautet für uns die politische Kernfrage für Deutschland und Europa auch: wie erhalten wir in der Plattformökonomie unsere freiheitlich demokratische Grundordnung?

Drei Ansätze sind notwendig: Wir müssen einen anderen Umgang mit unseren politischen Institutionen pflegen, Daten endlich als Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge anerkennen und unser Verhältnis mit China darf nicht von Angst, sondern muss von Kooperation geprägt sein. Der Reihe nach.

Politische Institutionen wertschätzen, Opportunismus verringern

Unser immer respektloserer Umgang mit unseren Volksvertreter*innen und den Menschen, die in der öffentlichen Verwaltung arbeiten, wird nicht dazu führen, dass die besten Köpfe bereit sind, in den Politikbetrieb einzusteigen. Das geht auch nur, wenn der Wechsel zwischen Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft einfacher gestaltet wird und es zu konstruktiven Dialogen zwischen den Logiken kommt. Und wir brauchen unbedingt mehr Langfristigkeit im politischen Denken und Handeln. Amtszeitbegrenzung und die Verlängerung der Wahlperioden in der Politik sind notwendige Schritte. Wenn wir weiterhin nur danach schauen, was opportun ist, um die nächste Wiederwahl zu sichern, werden wir die Zukunft der nächsten Generation nicht positiv gestalten.

Daten als öffentliches Gut anerkennen und Digital Trust sicherstellen

Wir müssen anfangen, einen wesentlich differenzierteren gesellschaftlichen Dialog zum Thema Daten zu führen. Anonymisierte Daten über das Nutzungsverhalten der Bürgerinnen und Bürger gehören zur öffentlichen Daseinsvorsorge, sind Teil der öffentlichen Infrastruktur. Nur auf Basis dieser Datenauswertung können wir den Verkehr und die Energienutzung besser steuern, die Städte grüner und sicherer machen, dafür sorgen, dass der ländliche Raum nicht abgehängt wird sowie Wohn- und Bildungsbedarfe individueller gestalten.

Vertrauen wird zunehmend zu einem globalen Wettbewerbsfaktor. Das ist eine Riesenchance für die deutsche und europäische Wirtschaft! Wenn Deutschland, wenn Europa es schafft, KI und IoT unter dem Dach von Digital Trust zusammenzudenken, kann eine KI-Position entwickelt werden, die stärker ist als das, was in China und Amerika gerade zu finden ist. Und mit Datenschutz wenig zu tun hat. Eine nachhaltige, konstruktive Anwendung von KI, bei der Algorithmen und die Datennutzung transparent gemacht werden und in der Blockchain vor Manipulation geschützt sind, sollte zu unserem Markenkern werden. Digital Trust made in Europe wird dann zur Value Proposition vieler plattformorientierter Geschäftsmodelle europäischer Unternehmen und Start-ups.

Offenheit, nicht Abschottung gegenüber China zeigen

Wir müssen schnell umdenken und Gestaltungsmacht zurückgewinnen. Anstatt Angstmacherei ist im Umgang mit China Kooperationsfähigkeit gefragt. Nur in partnerschaftlichen Beziehungen auf Augenhöhe können wir unsere Vorstellungen zu Menschenrechten, Privatsphäre und individueller Selbstbestimmtheit, zur Energiewende und für offene Märkte verteidigen. Dazu müssen wir lernen, China besser zu verstehen, müssen unsere Bilder im Kopf überdenken. Unser persönliches Bild über China wurde geprägt in der Zeit des Kalten Krieges, als sich zwei Gesellschafts- und Wirtschaftssysteme unvereinbar gegenüberstanden. Diese Zeit ist vorbei. Wir haben während unseres Aufenthalts selber gemerkt, wie sich jeden Tag unser China-Bild veränderte. Ein anfänglich sehr verwirrender Prozess, der zunehmend Klarheit schafft und uns nach unserer Rückkehr in Deutschland weiter beschäftigen wird.

#Michael

#Carsten

[im Original veröffentlicht am 12. April 2019]

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